Gastgeber


Frank Heinrich

Bundestagsabgeordneter, Sozialpädagoge, Theologe


Matthias C. Wolff

Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Hamburg und der Initiative „Gemeinsam für Hamburg“, Pastor der ELIM


Gaby Wentland

Vorstandsvorsitzende MISSION FREEDOM e.V.

Eindrücke

Leben in Freiheit für Frauen
aus Menschenhandel / Zwangsprostitution

Kongress „Aufstehen gegen Menschenhandel“

 

7. November 2014 im Hamburger Michel

Vor 380 namentlich erfassten Gästen wurde im Michel (Hamburgs Hauptkirche und Wahrzeichen St. Michaelis) sehr kompetent die Spannbreite des Unrechts durch Menschenhandel deutlich. Beleuchtet wurde die Lage in der Welt, in Europa und Deutschland, aber auch das von der EU als Beispiel vorgeschlagene Land Schweden.

Matthias Wolff, Pastor der Elim Kirche, begrüßte die Gäste. Wolff ist Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Hamburg und der Initiative „Gemeinsam für Hamburg“, die Mitveranstalter des Kongresses waren. Außerdem ist er Dozent für Hermeneutik. Wolff stellte das Ziel des Kongresses heraus: aufklären, informieren und anstoßen.

 

Das Impulsreferat hielt der Theologe, Ethiker, Religionswissenschaftler und Religionssoziologe Prof. Dr. theol. Dr. philThomas Schirrmacher. Er ist Präsident des Internationalen Rates der International Society for Human Rights und Botschafter für Menschenrechte. Auch ist er Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die etwa 600 Mio. evangelische Christen vertritt. Er ist Autor diverser Fachbücher auch zum Thema Menschenhandel.

Schirrmacher landete pünktlich in Hamburg. Er kam direkt aus Rom - von seinem Gespräch mit Papst Franziskus. Er gab einen kurzen Einblick, wie dort um die Hilfsmaßnahmen bei der Christenverfolgung in der Welt gekämpft wird.

Schnell machte Schirrmacher deutlich, wie brennend notwendig die Maßnahmen gegen den Menschenhandel seien und führte mit unterschiedlichen Beispielen die Behauptung ad absurdum, es gäbe keinen Menschenhandel – alles sei freiwillig.

Er zeigte auf, wie inbrünstig im ganzen Land diskutiert wird über Mindestlohn, über Jugendbanden und andere Probleme des Landes, aber so gut wie nie findet es politische Erwähnung, geschweige denn Diskussionen über ein Verbrechen, welches gleich drei strafbare Handlungen vereint: 1.) Entführung, 2.) Folter – körperlich und seelisch, 3.) Vergewaltigung.

Schirrmacher legte ebenfalls den Finger in die Wunde, dass die Männer, die die Dienste von Zwangsprostituierten in Anspruch nehmen, in keiner Weise „Ware gegen Geld“ erhalten, sondern Mittäter bei diesen Verbrechen sind.

 

Im Anschluss daran stellte Patrik Cederlöf das schwedische Modell vor, welches die EU allen europäischen Ländern zur Nachahmung empfiehlt. Patrik Cederlöf - National coordinator against prostitution/trafficking, County Administrative Board of Stockholm, Sweden - wurde von der schwedischen Botschaft in Berlin vermittelt.

Cederlöf gestand, dass auch er, wie die Mehrheit der Bevölkerung des ganzen Landes, vorher ein Gegner des Gesetzes war, welches die Prostitution in Schweden  auf ein Minimum reduzierte. Von Haus aus Sozialarbeiter war er vertraut mit den Gegebenheiten im Rotlicht-Milieu. Er sah die Schwierigkeiten und konnte nicht glauben, dass das durch ein Gesetz zu ändern sei. Heute, nach 15 Jahren, hat sich die  Stimmung im ganzen Land geändert. Man unterstützt auf der ganzen Linie die Abschaffung der Prostitution und er selbst ist längst Überzeugungstäter geworden und befürwortet die Einführung des Gesetzes. Im Detail schilderte er die vielen Maßnahmen, die ergriffen wurden, und zeigte die Erfolge auf, die deutlich machen, wie sehr Schweden die Zwangsprostitution damit eindämmen konnte. Schweden ist inzwischen kein interessantes Land mehr für Zuhälterbanden und mafiöse Strukturen. Das ist der Hauptgewinn der ganzen Aktion. In Schweden wird heute ein Mann bemitleidet, der es nötig hat, für Sex eine Frau zu kaufen. In Schweden werden die Freier bestraft und nicht die Zwangsprostituierten.

Lebhafter Gedankenaustausch fand in der Pause auf der sonnenbeschienenen Terrasse des Michels bei Kaffee und Butterkuchen statt. Auch die vielen Aussteller anderer Organisationen fanden rege Beachtung, die aus weiten Teilen Deutschlands angereist waren.

Großen Beifall erntete der Kurzbesuch von Ian Karan, Wirtschaftssenator a.D. der Freien und Hansestadt Hamburg, erfolgreicher Unternehmer und Mäzen. Karan wollte ebenfalls Flagge zeigen gegen den Menschenhandel und hatte sich bereits vor Ort ein eigenes Bild von MISSION FREEDOM und dem Home für ehemalige Zwangsprostituierte gemacht.

 

Nächster Redner war der Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich. Als Abgeordneter ist er Ordentliches Mitglied in den Ausschüssen für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sowie Menschenrechte und Humanitäre Hilfe.

Heinrich hat Theologie in Kanada und Basel studiert und danach Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Freiburg. Er ist Gründer von „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ und Mitveranstalter dieses Kongresses.

Heinrich zeigte bei allem Bedarf auf, welche Fortschritte doch schon von der Bundesregierung gemacht wurden. Er gab jedoch auch zu, dass es doch mehr „Trippelschritte“ seien, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Nicht nur die nordischen Länder wie Schweden, Finnland und Norwegen liegen ganz weit vorne bei der Bekämpfung des Menschenhandels. Auch Frankreich, Niederlande und England haben kürzlich mit den Gesetzen nachgezogen. Er schilderte überdeutlich, wie schnell diese Gesetzesänderungen in den Nachbarländern zu einer Verlagerung der Zwangsprostitution nach Deutschland geführt hat. An der Grenze zu Frankreich entstehe ein Flatrate-Bordell nach dem anderen. Deutschland ist der Puff Europas, Sextourismus in unser Land wird weltweit von Reiseveranstaltern angeboten – wie einst nach Thailand.

 

Mit Manfred Paulus ergriff ein Referent das Wort, der als Erster Kriminalhauptkommissar aus eigener Erfahrung berichtete, was da draußen los ist. Er war bis zu seiner Pensionierung Leiter einer Kriminalinspektion in Ulm und 25 Jahre im Bereich Rotlicht / Organisierte Kriminalität tätig.

Paulus ist Lehrbeauftragter an der Hochschule der Polizei in Baden-Württemberg, sowie in Bildungseinrichtungen des Bundes und der Länder. Er ist involviert in die Handlungsvorschläge für die Bundesregierung und ist seit 15 Jahren in Ost- und Südosteuropa in der Präventionsarbeit tätig.

Bekannt ist Manfred Paulus durch zahlreiche Beiträge in Fernsehen und Rundfunk, durch zahlreiche Veröffentlichungen und durch sein Buch „Menschenhandel – Tatort: Deutschland“.

Paulus zeichnete nicht nur ein düsteres Bild der Situation vor Ort im Rotlicht-Milieu, sondern wusste zu berichten, dass die ehemals so gefürchtete italienische Mafia längst überrollt wurde von albanischen Strukturen mit äußerster Brutalität und Menschenverachtung. Er sieht den Haupt-Handlungsbedarf nicht allein in Deutschland, sondern in den Ländern, aus denen die Frauen in Not nach Deutschland verschleppt werden, oft in dem Glauben, dass sie hier Geld verdienen können.

 

Durch den Kongress führte Gaby Wentland, erste Vorsitzende von MISSION FREEDOM, einer Organisation in Hamburg, die sich um die Zwangsprostituierten kümmert und ihnen Schutz gewährt und einen Neustart in ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Außerdem ist Aufklärung ihr ganz großes Thema. MISSION FREEDOM war der Organisator des Kongresses.

Wentland hob die Verdienste vieler anderer Organisationen hervor, die nicht nur Vorbild für sie persönlich waren, sondern die MISSION FREEDOM auch mit Rat und Tat zur Seite standen. Denn nachdem Wentland wusste, was für ein Leid diese Frauen in der Zwangsprostitution erleiden, konnte sie nicht mehr weghören. Auch heute ist sie noch mit vielen Organisationen verbunden beim Thema Menschenhandel – denn nur gemeinsam kann man etwas erreichen. Sie schilderte den Werdegang von MISSION FREEDOM und manch ein persönliches berührendes Erlebnis mit diesen Frauen, die ihr Glück nicht fassen konnten, ihrem Elend entronnen zu sein.

„Stellen sie sich vor, es wäre ihre Tochter“ war ihr eindringlicher Aufruf, wachsam zu sein. Sie zählte Wege auf, wie jeder im Kongress vor Ort helfen kann. Sie sensibilisierte die Zuhörer nachzufassen, wenn ihnen etwas „komisch“ vorkomme. Wer sich weiter informieren wollte, fand eine gute Auswahl an Büchern zu diesem Thema auf den Büchertischen.

 

Alle Gäste standen nach ihrem Aufruf gemeinsam von den Bänken auf als Zeichen gegen den Menschenhandel.

In diesen ergreifenden Moment hinein ließ die Sängerin Deborah Rosenkranz ihr Lied  erschallen gegen den Menschenhandel  - ein sehr eindringlicher Aufschrei gefolterter Frauen. Rosenkranz hatte bereits mit ihrer unglaublich eindrucksvollen Stimme die Teilnehmer des Kongresses eingestimmt auf dieses Thema.

Deborah Rosenkranz ist mit ihren 31 Jahren ebenfalls Buchautorin. Bekannt wurde Deborah vor 7 Jahren - schoss durch die Medien und TV-Formate. Angebote für Plattenverträge folgten. Die Halbfranzösin ging kompromisslos ihren eigenen Weg. Sie tourt seither nonstop mit ihrer Musik und ihrem Buch durch Europa und die USA.

Soziale Projekte liegen der lebensfrohen Sängerin sehr am Herzen: wegen eigener leidvoller Erfahrungen kümmert sich Deborah Rosenkranz sehr um Mädchen mit Essstörungen – initiierte ein therapeutisches Wohnheim "Power2Be".

Den Schlusssegen sprach noch mal Pastor Matthias Wolff und er war sich sicher, dass der Kongress Zeichen gesetzt und vieles angestoßen hat, damit dieses Unrecht in unserem Land nicht weiter hingenommen wird.

Der Kongress wurde weltweit live übertragen über Gott24 TV. Wiederholungen finden statt am Sonntag, den 23. November um 14 Uhr, sowie am ersten Weihnachtstag, 25.12., ebenfalls um 14 Uhr unter Gott24.tv.